Sonntag, 13. Juni 2010

Warmbronn

Mann, ist das Gras schon wieder gewachsen! Ist ja auch fast ein Jahr her, dass ich hier war. Das Gras reicht bis zur Hüfte, die Waschbetonplatten sind von den Halmen bedeckt, man läuft wie auf Sahne, das Gartenhaus reckt sich mit abblätternder Holzimprägnierung und still inmitten der wuchernden Natur. Mutter ist schon im Haus verschwunden, mich hat der Wald festgehalten, in den ich den neuen Twingo gestellt habe, Erinnerung an Maiglöckchensuchgänge, Grabenüberhüpfproben, Fernglasvogelspechtschau.
Die Fichten sind so groß geworden am hinteren, dem Wald zugewandten Tor! Machen mich klein, die Märchenbäume. Besitzerstolz: unser Garten, unser Häusle, unsere Vögel, Körbe voll mit unseren Erdbeeren. Durchgelüftet, müde und mit nackigen Knien sitze ich im Ford Kombi auf der Rückbank, die Tante singt und riecht nach schwarzen Sachen.
Hallo Stein! Hier kennt mich noch jeder, die Schwarzkiefer nickt, der verlandete See grüßt Willkommen. Sie rühren mich mit ihrer Geduld, es ist ihnen egal.
Die Fensterläden des Gartenhauses schlage ich mit der gleichen Bewegung nach außen wie früher, die Tischdecke ist mit silberfarbenen Spangen befestigt und hat auch immer noch Kaffeeflecken. Die blassgelbe Spülschüssel wartet umgedreht über dem Hocker auf Seifenschaum. Selbst Mutter trägt wieder ihre grüne Gartenhose, bückt sich, um sie anzuziehen, mit Söckchen über fleischfarbenen Nylonstrumpfhosen, braunem Wollschlüpfer und einem Feinrippunterhemd, ich sehe pikiert weg. Eine dicke Staubschicht liegt über dem alten Radio, dunkelbraunes Holzimitat, darin die Spiele der Fußballweltmeisterschaft neunzehnhundertvierundsiebzig. Spinnweben in den Ecken der hölzernen Doppelwand, in der einst Mäuse hausten, der höchste Grusel außer den heftigen donnerschlagenden Gewittern über Böblingen. Das Mäusenest hob Mutter beherzt mit dem Spaten aus, und wir empfanden Dankbarkeit und Abscheu. Ich war tapfer in jenen Jahren, streichelte die warzige Kröte.
Mit dem Kaufinteressenten unternehme ich einen Gang übers Grundstück, zeige ihm Flieder, Kompostsilos, Pfirsichbaum und mache ihn auf zwanzig Jahre Brennesseljauche aus dem Fass hinter den zermatschen Wildbirnen aufmerksam. Er meint, der Garten sei so lang und schmal. Auf dem Rückweg von der Wildsträucherecke gesteht er schließlich, dass er eigentlich das Nachbargrundstück erwerben wollte. Tja, das haben wir schon verkauft, aber dieses ist viel besser! Auf der unkrautdurchwucherten Wiese machen sich Ulmenschösslinge breit, hier stand mal ein Schaukelgerüst und da das Pfingstrosenrondell, es ist nicht mehr viel davon übrig. Nein, wirklich, der Garten sieht aus wie ein Handtuch, ich sage es Ihnen lieber offen und ehrlich, verspricht er uns.
Der Entwicklungsingenieur freut sich, als ich ihn nach seiner Arbeit frage, so kann er von Cashflow und Produktdesign reden.
Ich freue mich auch, denn er hat schöne warme Augen.
Mutter berichtet, dass der Großvater den Vater nie was hat in die Hand nehmen lassen, und ich hab das schon so oft gehört.
Wir freuen uns, dass wir hier in unserem verwohnten verlotterten Gartenhäuschen sitzen mit den schmutzigen Gartenschuhen an den Füßen, auf parkettimitierendem erdstaubigem Linoleum, wir freuen uns so, dass wir fast eine Zigarette zusammen geraucht hätten. Es ist schön, mit diesem dunkelhaarigen freundlichen Ingenieur in seinen Radlerklamotten von alten Zeiten zu plaudern, und das Beste ist, dass er den Garten gar nicht kaufen will.
Der gehört ja schließlich uns.

2 Kommentare:

  1. Der Parkplatz für den Twingo versteckt sich im Wald?
    Der Ford-Kombi fährt durch Erinnerungen? Ach, richtig: '74.
    Fragwürdige Adjektive: groß (Fichten), silberfarben (Spangen), blassgelb (Spülschüssel, pikiert (ich), donnerschlagend (Gewitter), verlottert (Gartenhäuschen), parkettimitierend (Linoleum).
    Beim Einstieg "Mann!" erwartete ich wörtliche Reden und Dialoge. Dadurch gewönne die Zuneigung zu dem Ingenieur die Tiefe, die mir mitempfindendem Leser ein verständnisvolles Nicken entlocken würde.
    Die Bilder vom naturbelassenen Grundstück erscheinen kräftig, allein wegen der genannten Dinge, weniger durch Zustandsbeschreibung.
    Ganz stark:"Die Tante riecht nach schwarzen Sachen."
    Was bedeutet "Zwanzig Jahre Brennesseljauche"? So lange kann die sich in dem Fass nicht halten.
    Die Gärtner haben wohl zwanzig Jahre lang in dem Fass die jeweilige Jauche angesetzt.
    "Fass hinter den zermatschten Wildbirnen" ist eine verwirrende Standortsangabe. Vermutlich sind die beiden auf dem Weg zum Jauchefass an Wildbirnen(bäumen) vorüber gegangen, wobei Früchte umherlagen, die schon ins Stadium von Matsch übergegangen sind, oder die sie zertreten haben.
    Plötzlich erscheint eine wörtliche Rede: offen und ehrlich, verspricht er uns. Wieso verspricht? Was kündigt er an?
    Uns? Wieviele Figuren sind unterwegs? Die Mutter auch? Wo war sie abgeblieben bis zu dieser Stelle?

    Liebe Velarani, wie schon so oft: Tagebuch! Wenn es das sein soll - gut, ab in die Schublade!
    Als Leser vermisse ich den roten Faden, der zwangsläufig zum Schluss führt: Der Garten darf gar nicht verkauft werden!
    Die aneinander gereihten Informationen zeichnen zwar ein deutliches Bild, aber einen Text, eine Montage, eine Geschichte bieten sie nicht.

    Was anderes:
    Das Hintergrundbild von der Abbruchkante einer Binnendüne mit der sitzenden Figur als Maßstab erzählt Dutzende von Geschichten.

    Mit sandigen Füßen, Ginko.

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  2. Danke fürs Drübergehen, Ginko! Wenn ich mal eine Geschichte daraus mache, kann ich's sicher gut gebrauchen. Bis dahin: hier nur Tagebuch, das Literarische kommt zu den Textuellen. "Mutter ist schon im Haus verschwunden", Zeile fünf, falls du sie suchst. Das Hintergrundbild zeigt unseren Hausvulkan, den sogenannten "Katzenbuckel", fotografiert von meiner zehnjährigen Tochter. Schön, nicht?
    Was anderes: kann ich bei 'Rückkopplung' auch nur Leserin sein? Ich schreibe ja gar keine Lyrik, lese sie aber gern.
    Mit kantigen Grüßen, Verena.

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