Dienstag, 18. Mai 2010

Meine Nachbarin schob ihr Fahrrad in die Einfahrt, als ich von der Arbeit kam. Ich grüßte sie und fragte, wie es ihr geht, und sie fing an zu weinen.
Gestern haben wir meine Schwiegertochter beerdigt, sagte sie, die alte Frau mit ihrem Fahrrad. Der Fahrradkorb war so schwer beladen, dass das Fahrrad immer wieder umzukippen drohte, sie hielt es die ganze Zeit am Lenker fest. Ich stand neben der Restmülltonne, der Zaun zwischen uns, aber egal, wo wir standen, sie hat mir die ganze Geschichte erzählt. Natürlich hat sie nicht wirklich geweint, nicht geschluchzt, kein Taschentuch gebraucht, so was tut die nicht, die ist hart im Nehmen, die war doch Kind im Krieg, auf dem Dorf.
Ich denke die ganze Zeit daran, hat sie gesagt, heute morgen war ich auf dem Friedhof, solche Stapel von Briefen liegen da. Ich muss immer dran denken, Tag und Nacht, das wird man gar nicht los. Dass sie da liegt, in dieser Kiste, das stelle ich mir immer vor, und dann fließt noch einmal eine Träne über ihr Gesicht, und sie wischt sie mit dem Handrücken weg.
Am Krebs ist sie gestorben, aber man hat bis zum Schluss nicht gefunden, wo der eigentlich sitzt. Erst hieß es in der Bauchspeicheldrüse, dann haben wir uns alle Sorgen gemacht, Bauchspeicheldrüse, das ist schlimm, aber der Doktor Braun hat dann nichts gefunden, da waren wir wieder erleichtert. Da haben wir wieder Hoffnung geschöpft. Angefangen hat es mit Rückenschmerzen. Sie kam nicht mehr auf das Wort Bandscheiben, jedenfalls ist alles untersucht worden und vor Weihnachten 2008 war es dann so schlimm, dass sie in die Röhre musste, aber die Ergebnisse wollte sie erst wissen, nachdem sie mit ihrem Mann, also dem Sohn, noch am Bodensee war in Urlaub. Dann hieß es auf einmal Krebs. Dann hat sie Chemo bekommen und die Haare sind ausgegangen und sie ist ganz gelb geworden.
Das kann sich keiner vorstellen, wie sie am Ende ausgesehen hat, sagte sie. Sie war doch noch jung, neunundvierzig Jahre alt. Und stirbt einfach so weg. Zur Beerdigung ist ihre Schwester gekommen, aus Bayern, die haben ja nicht viel miteinander zu tun gehabt, aber die hat gesagt, sie hätte sie nicht wieder erkannt, nie hätte sie sie erkannt. Ein ganz kleines Köpfchen hat sie gehabt am Schluss.
Sie war ja noch im Krankenhaus. Sie war schon so schwach, es ging ihr so schlecht, da hat der Sohn im Krankenhaus angerufen in der Nacht. Und sie konnte nicht mal mehr laufen, hinausgetragen haben sie sie, und da musste sie wieder weinen. Danach hat sie ein Pflegebett bekommen, und sie hat gesagt, wie sieht das denn aus, mit dem Bett da im Wohnzimmer, das geht doch nicht. Was sollte man denn da sagen, ich hab gesagt, Margot, wenn das alles vorbei ist, dann kommt das sofort wieder raus, das Bett, das kriegen wir hin, wenn du wieder gesund bist.
Am Donnerstag ist sie gestorben. Sie kam ja noch mal heim aus dem Krankenhaus. So schwer war das, da hat ja noch zwei Mal das Herz ausgesetzt, und dann kam sie doch wieder zurück. Dann kam sie doch wieder zu sich. Mein Sohn hat den Notarzt gerufen, und die haben dann gesagt, wenn es vorbei ist, soll er gleich anrufen, dann kommt sie gleich wieder. Die war so nett, das kann man sich nicht vorstellen. Die ist gekommen und hat sie gewaschen und frisch angezogen, eine ganz junge Frau war das. Und dann saßen wir da, und ihre Augen waren wieder aufgegangen, also die waren schon geschlossen, aber dann wieder so ein bisschen offen, und ich hab gesagt, Jörg, sie sieht ja ganz so aus, als ob sie lebt. Das ist doch gar nicht zu fassen.
Sie wollte nicht sterben, sagte ich, sie hat gekämpft.
Ja, wer will schon sterben, die wollte leben, sagte meine Nachbarin. Heute morgen war ich da, das ist ja so leer, das Haus. Ich weiß gar nicht, wie das gehen soll in dem leeren Haus. Einen schönen großen Teich haben sie im Garten, der sieht aus, sonst hatte sie immer alles schon gepflanzt und überall Kübel und Töpfe hingestellt. Was eine Frau halt alles macht. Ich kann es nicht fassen.
Die ganze Zeit hielt sie sich an ihrem Fahrrad fest, und ich lehnte mich gegen den Deckel der Mülltonne, ab und zu stieg ein Rauch nach verfaulten Lebensmitteln daraus hoch, und die letzte Wurfsendung klemmte im Deckel der Papiermülltonne, aber egal. So haben wir uns noch nie unterhalten, über unseren Gartenzaun. Einer fuhr her im roten Caddy, bisch mit deim neuen Fahrrad unterwegs, sagte er, sie begrüßte ihn strahlend, die Nachbarin, mit ihrem wettergegerbten fünfundsiebzigjährigen dominanten Frauenlächeln, und dann erzählte sie weiter und irgendwann dazwischen sagte sie auch mal, das tut richtig gut, sich das alles mal von der Seele zu sprechen, das tut jetzt richtig gut.

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